Armenische Folklore und urbaner Jazz

Vor ausverkauftem Haus gastierte am Montagabend das armenische „Acoustic Colors Quartett“ im Halben Mond. Es gab begeisterten Applaus für vier hochklassige Musiker, die auf ihrem Gebiet und in ihrem Land zur Spitze gehören.


Bild: Lutz: Igiel

Die Musiker haben sich vor gut einem Jahr zusammengeschlossen, um eine besondere stilistische Melange schaffen. Das Publikum in der „Blauen Grotte“ hörte eine Synthese aus armenischer Folklore und kosmopolitisch-urbanem Jazz.

Klassische Opern- und Kammermusik wird von traditionellen Instrumenten exotisch flankiert, ein virtuoses Piano paart sich mit farbenprächtigen Saxofon-Soli.

Was die Musiker auf der kleinen, intimen Bühne des Kellerraumes bieten, ist an musikalischer Fantasie und improvisatorischer Energie kaum zu übertreffen. Das Repertoire besteht aus eigenen Werken sowie aus Verarbeitungen von Vorbildern der traditionellen armenischen Musik. Alle Arrangements spiegeln ein exzellentes Gespür für musikalische Formen und ergeben ein beschwingtes Cross-over aus verschiedenen Stil- und Klangebenen, das international verständlich ist

Noch ist die Gruppe ein Geheimtipp

In kürzester Zeit hat es das Quartett fertiggebracht, die Herzen der Zuhörer ihrer Heimat zu erobern. Nun schicken sich Vahagn Hayrapetyan (Klavier), Armen Hyusnunts (Saxofon) sowie der Multiinstrumentalist Norayr Kartashyan und Mezzosopranistin Varsenik Avanyan an, den Rest der Welt zu begeistern. Aus der Sphäre interkultureller Feste und Konzerte hat es die Gruppe längst herausgeschafft. Heute wird sie (noch) als Geheimtipp gehandelt.

Das Heppenheimer Gastspiel begann mit traditionellen Hayastan-Sounds aus dem reichen Kulturerbe des ältesten christlichen Staats. Sängerin Varsenik Avanyan intonierte die Lieder mit geschliffener Brillanz und kraftvollem Volumen, mit dunklem Timbre und strahlenden Höhen.Vahagn Hayrapetyan gehört zur Avantgarde der armenischen Jazz- und Folkszene. Sein Spiel ist gekennzeichnet von klassischen Modern-Jazz-Einflüssen mit vitalen Akzenten von Swing bis Bebop. Ab 1998 hat er mit Arto Tunçboyac?yan in der Armenian Navy Band gespielt, vor zehn Jahren hat der populäre Künstler seine eigene Formation „Katuner“ gegründet.

Orientalisch-armenische Blasinstrumente wie die melancholisch klingende Duduk und die Holzflöte Blul werden mit zeitgenössisch-westlichen Instrumenten wie Alt-, Tenor- und Sopransaxofon, Trompete, Bass und Piano kombiniert. Der ausgezeichnete Multiinstrumentalist Norayr Kartashyan hat die traditionellen Blasinstrumente perfektioniert und ihnen neue musikalische Kontexte eröffnet.

Saxofonist Armen Hyusnunts ist Mitbegründer der Navy Band und einer der besten Musiker des Landes. Der Komponist hat mit Weltklassejazzern wie Chick Corea, Billy Cobham und Joe Zawinul („Weather Report“) gearbeitet. Mit seiner „Time Report Band“, die armenische Instanz für Ethno-Jazz, gehört er zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Heimat. Das Spektrum ist enorm und kommt im Quartett bestens zur Entfaltung.

In Heppenheim präsentierten die Musiker in Triobesetzung mit Piano, Sax und Handtrommel eine mitreißende Version von Paul Desmonds „Take Five“. In den ungeraden Taktvariationen und dem rhythmischen Thema des Stücks fühlten sie sich überaus wohl. Der Raum für Improvisationen und instrumentale Dialoge wurde virtuos genutzt. Soli von Piano und Saxofon ließen Zeit und Raum vergessen.

Das war moderner Jazz vom Allerfeinsten, mit monumentalen Klangkaskaden – Fusion im allerweitesten Sinne. Der warme und lyrische, energetische und atmosphärische Sound der Formation profitierte nicht nur von einem aufmerksamen und weltoffenen Publikum, sondern auch von der satten Akustik des Natursteinkellers.

Die Akteure gerieten auf der Spannweite zwischen liturgisch gefärbten Werken und tempogeladenem Groove keine Sekunde ins Schlingern. Varsenik Avanyan singt nicht nur Händel, Bizet und Tschaikowski. Die Solistin des Staatlichen Operntheaters Eriwan lehrt Gesang in der Staatlichen Musikhochschule und ist die prägnante Stimme des Acoustic Colors Quartetts. Die Ausnahmevokalistin setzt in der Band kraftvoll und subtil Akzente und öffnet dieser traumhaften Musik völlig neue Horizonte.

Ein außergewöhnliches, dramaturgisch wie musikalisch feines Konzert. Veranstalter waren die Stiftung Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch, der Rotary Club Bensheim-Heppenheim, die Manufaktur Quintessenz und der Verein Noah zur Förderung kultureller Beziehungen zwischen Armenien und Deutschland. Begrüßt wurden die Gäste vom Vorsitzenden der Stifterversammlung Ernst-Ludwig Drayß, der seit vielen Jahren enge Kontakte nach Armenien pflegt.

Bergsträßer Echo 31. Oktober 2013