Das Kloster soll digital zu neuem Leben erwachen


Die Teilnehmer an der Stifterversammlung Weltkulturerbe Kloster Lorsch denken darüber nach, einen Wettbewerb auszuschreiben

Bergstraße. Die 2011 gegründete Stiftung Unesco Weltkulturerbe Kloster Lorsch hat ein neues Projekt im Visier: In der jüngsten Stifterversammlung wurde die Einführung eines mit Preisgeld dotierten Wettbewerbs diskutiert, der sich mit den Möglichkeiten der digitalen Rekonstruktion beschäftigt. Ziel ist auch bei diesem Projekt die Förderung der historischen und gesellschaftlichen Strahlkraft des Kulturdenkmals.

"Wir versprechen uns davon ein hohes Maß an öffentlicher Beachtung", sagte Stiftungsvorstand Dr. Norbert Bräuer im Gewölbekeller des Museumszentrums. In den nächsten Wochen wollen Vorstand, Kuratorium und Stifter gemeinsam mit dem Leiter der Welterbestätte, Dr. Hermann Schefers, ein tragfähiges Konzept auf die Beine stellen.

Die Ideen von Professor Koob

Bereits vor zwei Jahren gärte in den Reihen der Stiftung die Absicht, die Idee des Architekturprofessors Manfred Koob in irgendeiner Weise fortzuführen. Koob erlangte durch die virtuelle Darstellung zerstärter oder fragmentierter Bauwerke internationale Beachtung. Auch Teile des Lorscher Klosters wurden so digitalisiert. Der gebürtige Heppenheimer war 2011 verstorben - mit seinem Tod wurde das gesamte Vorhaben ausgebremst.

Dem Welterbeleiter schwebt ein digitales Befundmodell vor, das gleichsam als eine Art virtuelles Museum die Biografie des Klosters in einer allgemein verständlichen Formensprache übermitteln soll. Durch Schefers' gute Kontakte zu Hochschulen und Forschungszentren könnte das Vorhaben schon bald konkrete Züge annehmen.

In einem solchen Modell ließen sich historische Hypothesen darstellen, ohne den Anspruch geschichtlicher Vollständigkeit zu beanspruchen oder in reine Spekulation abzurutschen.

Es geht um historische Präzision

Wie Schefers im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert, soll die dreidimensionale Computer-Rekonstruktion keine fotorealistische Qualität besitzen: Schefers begründet dies mit dem wissenschaftlichen Grundsatz, eine klare Trennlinie zwischen historischer Präzision und nicht fundierten Mutmaßungen zu ziehen. Hinzu kommt, dass nur wenige überlieferte Zeugnisse der ursprünglichen Anlage erhalten sind.

Der Vorteil eines Befund-Modells wäre eine dynamische Gestaltung, in die immer wieder neue Erkenntnisse einfließen könnten, die sich nicht allein an ein Fachpublikum richten. Dr. Hermann Schefers geht davon aus, dass es dadurch zu einer öffentlichen Aufwertung des Welterbes kommen könnte.

Griffiger Arbeitstitel gesucht

Auch der Stiftungsvorstand betont: In dem Thema ist Musik drin. In der Kopplung mit einem Wettbewerb sehen die Akteure große Chancen, um dem Standortjuwel noch mehr Beachtung zu schenken - auf nationaler wie internationaler Ebene. Jetzt will die Stiftung dem Projekt möglichst bald Konturen verleihen und einen griffigen Arbeitstitel finden, wie Norbert Bräuer mitteilt.

Schefers kann sich vorstellen, dass durch die Adressierung von Hochschulen junge Leute unter anderem aus den Bereichen Design, Informatik, Mathematik oder Geschichte motiviert werden könnten, sich in irgendeiner Form mit dem immateriellen Erbe des Klosters zu beschöftigen. Die digitale Ebene lasse eine Menge Raum für das kreative Potenzial künftiger Wettbewerbsteilnehmer.

Öffentliche Wissenschaft

Auch die Vorsitzende des Kuratoriums, Dr. Dorothea Redeker, ist von der Idee angetan. Vor allem von der Motivation, wissenschaftliche Prozesse und Ergebnisse einem größeren Kreis von Menschen zugänglich zu machen. Dieser interdisziplinäre und dialogbasierte Ansatz wird auch als "öffentliche Wissenschaft" ("Open Science") bezeichnet. Redeker regte an, das Projekt eng am Unesco-Gedanken zu entwickeln, der sich nicht an einzelne Zielgruppen wendet, sondern alle Menschen ansprechen und einbinden will.

Die anwesenden Stifter äußerten sich bereits am Dienstag äußerst positiv über das Vorhaben. Ein Wettbewerb alle ein oder zwei Jahre dürfte der öffentlichen Wahrnehmung der Förderer nicht gerade abträglich sein und könnte weitere Unterstützer ins Haus spülen.

Bergsträßer Anzeiger, 14.1.2016,Thomas Tritsch, Bild: Neu


Aus der Stifterversammlung

Ernst-Ludwig Drayß bleibt Vorsitzender der Stifterversammlung. Nach fünf Jahren Amtszeit hatte Drayß am Dienstag dem Kuratorium bestätigt, für ein weiteres Jahr zur Verfügung zu stehen.

Bruno Eichhorn aus dem Stiftungsvorstand bezifferte das Stiftungsvermögen aktuell auf knapp 140 000 Euro. Durch die aktuelle Situation auf dem Kapitalmarkt seien die Erträge aus Zinsen stark eingeschränkt. Die Stiftung muss weiterhin mit einem moderaten Stammkapital agieren. Der Vorstand wurde einstimmig entlastet.

Vorsitzender Dr. Norbert Bräuer berichtete von drei Neuzugängen im abgelaufenen Jahr: Die Wohnbau Bergstraße mit ihrem Vorsitzenden Gernot Jakobi sowie die Lorscher Unternehmer Friedel Drayß (Back- und Brauhaus) und Frank Löffelholz vom gleichnamigen Modehaus. Die GGEW AG war erstmals mit dem neuen Vorstand Carsten Hoffmann vertreten.