Das Murmeln der Geschichte im Zullestein

Vergabe Stiftungspreis im Stiftungswettbewerb: „Das Murmeln der Geschichte im Zullestein“

Innovative Vermittlung des Welterbe-Gedankens

Die Stiftung UNESCO Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch vergab 2017 den Stiftungspreis in Höhe von 5000 Euro im Stiftungswettbewerb Innovative Vermittlung des Welterbe-Gedankens an das Projekt „Das Murmeln der Geschichte im Zullestein“ von Frau Dr. Eva Bambach. Die Preisverleihung fand am 10. September 17 um ca. 17 Uhr zum Tag des offenen Denkmals in Lorsch im Rahmen der Veranstaltung „Jazz am Kloster“ statt.
Das mit dem Stifterpreis geförderte Projekt ist eine App für Smartphones, die den am Einfluss der Weschnitz in den Rhein gelegenen historischen Hafen des Klosters Lorsch - den Zullestein bzw. die spätere Burg Stein - zum Leben erweckt. Sie lässt imaginierte Gedanken und Gespräche von Menschen hörbar werden, die einmal an diesem Ort agiert haben könnten.

Burg Stein: Der Hafen des Klosters Lorsch – ein Tor zur Welt

Der Aufstieg des Klosters Lorsch nach seiner Gründung im Jahr 764 beruhte auf zahlreichen Schenkungen. Neben weit verstreuten einzelnen Gütern gehörten dazu auch im unmittelbaren regionalen Umfeld des Klosters größere Gebiete wie die Marken Heppenheim und Michelstadt, Siedlungen, Wälder, Markt-, Fischerei- und Wegerechte und der Rheinhafen Zullestein. Ohne dieses territoriale Herrschaftsgebiet, zu dem der heutige Kreis Bergstraße und große Teile des Odenwaldkreises gehörten, wäre der Aufstieg der Reichsabtei zu einem religiös-kulturellen Zentrum kaum möglich gewesen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Hafen Zulle­stein, der späteren Burg Stein, an der Einmündung der Weschnitz in den Rhein zu. Die unter Denkmalschutz stehenden Reste befinden sich heute in der Gemarkung von Biblis-Nord­heim („Schloß­­­­­­buckel“ im „Steiner Wald“) und können besichtigt werden.
Die Burg Stein an der Rheinmündung der Weschnitz mit Schiffsbrücke nach Worms und das Kloster Lorsch (Ausschnitt aus: Newe beschreibung deß grösten teils deß Rhein stroms, Augsburg 1621)

Der Lorscher Rheinhafen Zullestein


Der Lorscher Rheinhafen Zullestein

Bereits in römischer Zeit entstand an der Einmündung der Weschnitz in den Rhein eine Schifflände mit Befestigung in Form eines Burgus (Festung). Im Jahr 806 wird das Dorf Zullestein erstmals in einer Lorscher Schenkungsurkunde erwähnt. 836 übertrug König Ludwig der Deutsche dem Ladenburger Gaugrafen Werner Biblis, Wattenheim und Zullestein. Dieser erweiterte den Burgus um ein zweites Gebäude und eine kleine Kapelle zu einem für Lorsch charakteristischen fränkischen Gutshof. Werner schenkte wiederum 846 die Dörfer Biblis, Wattenheim und das am Rhein gelegene Zullestein mit seinem Hafen, allen Gebäuden, Zubehör und Gebiet dem Kloster (CL 26 und 27). Nach seinem Tod wurde er daher in der Lorscher ecclesia varia bestattet (CL 29). Das dem Kloster für die Stadt Worms 858 von König Ludwig II. gewährte Schiffereirecht (inklusive der Zollfreiheit) ergänzte den Hafen in Zullestein (CL 31).

Der Lorscher Rheinhafen Zullestein

Mit seinem Rheinhafen erwies sich das Dorf Zullestein, das 995 Marktrechte erhielt, als besonders wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung des Klosters. Lorsch hatte vor allem über seine Besitzungen und seine Grundherrschaft im unmittelbaren territorialen Umfeld einen regionalen Wirtschaftsraum aufbauen können, der landwirtschaftliche Güter, Wein, Holz, Stein und anderes mehr produzierte, die das Kloster auch verkaufen konnte. Zudem mussten Güter und Abgaben aus weiter entfernt liegenden Besitzungen des Klosters auch nach Lorsch gebracht werden. Das Holz der Waldmark Heppenheim und die Abgaben der Siedlungen und Güter, die z. B. die Tierhäute für das Skriptorium lieferten, sowie die zahlreichen Weinberge an der Bergstraße bildeten die materielle Grundlage der kulturellen Blüte der Abtei. Die Weiterentwicklung des Wirtschaftsraums manifestierte sich in der Gewährung königlicher Marktprivilegien: 956 erhielt das Kloster von Otto I. für Bensheim das ausgedehnte Recht, öffentliche Märkte abhalten zu dürfen – das erste Marktrecht des Klosters überhaupt (CL 71). Im Jahr 995 folgten Siedlung und Hafen Zullestein, nun erstmals als Stein am Rhein bezeichnet, für die König Otto III. der Reichsabtei das Marktrecht verlieh(CL 84). Schließlich erhielten im Jahr 1000 noch Weinheim und 1067 das Dorf Lorsch selbst einen wöchentlichen Markt (CL 87, CL 128).

Links: Schenkung des Zullestein durch König Ludwig an Graf Werner und an das Kloster Lorsch (CL 26 u. 27)

Der Hafen in Zullestein ermöglichte folglich den Ausbau der Infrastruktur und einen ausgedehnten, auch überregionalen Warenhandel. Wasserwege und Häfen waren dabei von besonderer Bedeutung für Lorsch. Denn das Kloster auf der Düne lag auf einer Insel bzw. war von Sumpf und Wasser umgeben, wie im Lorscher Codex mehrfach hervorgehoben wird. Die Weschnitz, die im Mittelalter sicherlich weit mehr Wasser führte, floss unmittelbar am Kloster vorbei und mündete bei der Siedlung Zullestein bzw. Stein am Rhein in den Rhein. Über die Weschnitz konnte folglich eine direkte Verkehrsverbindung zum Rhein, dem zentralen europäischen Wirtschaftsweg, hergestellt werden. Südlich der Einmündung befand sich zudem ein wichtiger Rheinübergang nach Worms. Der seit 995 mit dem Marktrecht ausgestattete Rheinhafen Zullestein bzw. Stein am Rhein war folglich als Handels- und Warenumschlagplatz von wesentlicher Bedeutung für die regionale Infrastruktur und Wirtschaft des Klosters Lorsch: er war Lorschs „Tor zur Welt“ (Sven-Hinrichs Siemers).

Römischer Burgus, Verwaltungssitz und Burg

Auch nachdem die Lorscher Reichsabtei 1232 ihre Herrschaftsrechte verlor, spielte die zum Verwaltungssitz und zur Verteidigungsanlage umgebaute Burg Stein am Rhein eine wichtige Rolle in der Region. Bereits im 4. Jahrhundert waren an der Weschnitzmündung eine spätrömische mehrgeschossige Festung (Burgus) bzw. ein Wachturm auf einer Grundfläche von 21,3×15 Metern und eine Schiffsanlegestelle von 42 Meter Länge entstanden. Die Grundmauern des Burgus mit Flügelmauern und kleinen Ecktürmchen sind noch heute gut sichtbar. Er diente auch der Sicherung des „Hinterlandes“, insbesondere der Bergstraße und der dort zahlreich vorhandenen römischen Villen bzw. Landgüter.
In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verlor Lorsch Siedlung und Hafen Stein an den Bischof von Worms. Das Fürstbistum hatte zwar kein Interesse mehr an dem Hafen, baute aber Stein zu einer Befestigungsanlage an der strategisch wichtigen Weschnitzmündung um. Kennzeichnend war der runde Hauptturm, den noch Merian auf seinem Stich von 1630 hervorhebt. Die Festung oder Burg Stein bestand in dieser Form bis 1657 und auch hiervon sind heute noch Reste erhalten und gut erkennbar.

Die Kurpfalz eroberte die Burg 1387, die mit dem Amt Stein bzw. Lampertheim bis 1705 unter die gemeinsame Herrschaft von Worms und der Pfalz geriet und zeitweilig als Sitz einer Amtskellerei diente. Nachdem auch das Amt Starkenburg 1461/63 mit dem Kloster Lorsch an die Kurpfalz verpfändet worden war, baute diese Stein zu einer Festung („Veste“ oder „Schloß“) aus. Aufgrund ihrer strategisch wichtigen Lage war die Burg mehrfach Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. So eroberte der Landgraf von Hessen Stein 1504 während der pfalz-bayerischen Fehde und 1518 belagerte der Reichsritter Franz von Sickingen die Burg, die kurz darauf wieder unter pfälzisch-wormsische Herrschaft kam.

Die Burg Stein um 1630, Kupferstich von Matthaeus Merian

Im Dreißigjährigen Krieg baute das Amt Starkenburg die Landwehr (Landgraben) zwischen der Burg Stein und Bensheim aus. Stein fungierte damit nach Matthäus Merian „als Schlüssel zu der Bergstraßen“. Letztlich ließen sich die Truppen kaiserlich-katholischen Liga, die gegen die Kurpfalz vorgingen, jedoch nicht aufhalten. Die Spanier unter Córdoba nahmen am 21. August 1621 Stein ein und im Dezember 1631 eroberten die Schweden die Burg, die in Flammen aufging. Beides ist in zeitgenössischen illustrierten Einblattdrucken festgehalten. Die zerstörte „Veste Stein“ wurde schließlich 1657 geschleift.
Der Hafen Zullestein und die Burg Stein – vergessen oder Element des Weltkulturerbes Kloster Lorsch?
Im 20. Jahrhundert waren der Lorscher Hafen Zullestein und die Burg Stein fast vergessen und nur noch als „Schloßbuckel“ in der Bevölkerung präsent. In den 1950er Jahren wurden bei Erdölbohrungen Reste wiederentdeckt und 1970 begannen Ausgrabungen nach den Resten der Burg durch die hessischen Landesarchäologen unter der Leitung von Werner Jorns. Die Arbeiten wurden durch die Betreiber des nahegelegenen Kernkraftwerks Biblis, RWE und Hochtief finanziell unterstützt. Damit setzten auch wissenschaftliche Veröffentlichungen von Friedrich Knöpp, Rudolf Kunz und Werner Jorns ein. 2001 folgte eine umfassende Dissertation von Sven-Hinrich Siemers zur Geschichte des Zullesteins und der Burg Stein, die vor allem die archäologischen Funde umfassend auswertet und die wichtige Funktion des Zullesteins als Hafen des Klosters Lorsch dokumentiert.

Die Burg Stein steht heute unter Denkmalschutz; Eigentümer des Geländes ist Hessen-Forst. Der Verein für Heimatgeschichte Nordheim kümmert sich um die Pflege und die Präsentation. Pflege, Präsentation und Denkmalschutz bedürfen jedoch weiterer, erheblicher Anstrengungen. Der Lorscher Hafen Zullestein und die Burg Stein gehören zu vier wichtigen historische Epochen unseres Raums: Römer, Franken, Kloster Lorsch und kurpfälzische bzw. wormsische Herrschaft. Seit 2013 ist die Burg Stein über Biblis-Nordheim und den dortigen Verein für Heimatgeschichte Partner der Welterbestätte Kloster Lorsch. 2015 erfolgte die Auszeichnung als Regionales Kulturerbe des Kreises Bergstraße. Der Lorscher Hafen Zullestein und die Burg Stein bilden folglich ein wichtiges Element des Weltkulturerbes Kloster Lorsch, das der weiteren Förderung bedarf.

Panorama Burg Stein (von Armin Kübelbeck, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6411127)

Quellen/Literatur: CL = Codex Laureshamensis, hg. v. K. Glöckner, Bd. 1-3, Darmstadt 1929-1936; K. Härter, Der unmittelbare territoriale Herrschaftsraum des Klosters Lorsch: die Mark Heppenheim und ihre Siedlungen, Märkte und Burgen, in: Lorsch und sein Kloster 764-2014, Lorsch 2014, S. 103-120; F.-R. Herrmann, Der Zullenstein an der Weschnitzmündung. Führungsblatt zu dem spätrömischen Burgus, dem karolingischen Königshof und der Veste Stein bei Biblis-Nordheim, Wiesbaden 1989; S.-H. Siemers, Von der karolingischen Handelssiedlung „Zullestein“ zur Festung „Zum Stein“ bei Biblis-Nordheim, Kreis Bergstraße. Eine Auswertung der Funde der Ausgrabung „Schloßbuckel“ von 1970 bis 1972, Mainz, Univ. Diss. 2001; S.-H. Siemers, Das Tor zur Welt - Lorschs Rheinhafen Zullestein, in: Kloster Lorsch. Vom Reichskloster Karls des Großen zum Weltkulturerbe der Menschheit, hg. Hess. Landesmuseum Darmstadt, Petersberg 2011, S. 66-75

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